Zwischen Selbstein- und überschätzung

Das war eine herrliche Geschichte der SONNTAGSZEITUNG. In der Ausgabe vom 26. August 2018 berichtet sie über den Stand der Bewerbungen für die Nachfolge von SRF-Direktor Ruedi Matter. Für diese würden sich, so die Autoren Mischa Aebi, Denis von Burg und Adrian Schmid, unter anderen KASSENSTURZ-Moderator Ueli Schmezer und SRF-Sportchef Roland Mägerle bewerben. Das lässt tief blicken.

Zunächst relativiert die SONNTAGSZEITUNG ihre Geschichte gleich selbst wieder. In der Printausgabe vom Sonntag heisst es auf der Frontseite noch vollmundig: „Auch SRF-Sportchef Roland Mägerle soll seine Unterlagen eingereicht haben.“ – Im online-Artikel dazu (gemäss Datumsangabe vom 25.8.2018, 21:02 Uhr) muss das Blatt aber bereits zurückkrebsen. Dort heisst es nur noch: „Als aussrichtsreicher Kandidat wurde dagegen SRF-Sportchef Roland Mägerle genannt.“ Und noch einen Absatz weiter unten musste die Zeitung dann einräumen, Mägerle hätte inzwischen mitgeteilt, dass er sich nicht beworben habe. Peinlich für die Sonntagszeitung, die offenbar einer Falschinformation aufgesessen ist.

Sollte Mägerles Dementi stimmen, muss ihm immerhin zugute gehalten werden, dass er die Grenzen seiner Möglichkeiten erkannt hat, erzählen gut unterrichtete Kreise doch seit längerem, dass unter Mägerles Leitung der Sportbereich zu einem einzigen Chaos verkommen sei. Die Rede ist von wichtigen AusSportereignissen, für die schlicht Anmeldung und Planung vorgessen worden seien und weitere Flops. Darüber hinaus hat Mägerle als Sportchef keinerlei Vernetzung in die Politik und auch keine journalistische Erfahrung im „ernsthafteren“ Genre der politischen Berichterstattung. Zumindest das eine oder das andere müsste aber als zwingende Anforderung gesehen werden und wird im Stellenbeschrieb, wenn auch etwas verklausuliert, mit „Kenntnissen der politischen Abläufe“ umschrieben.

Wie Schmezer das Anforderungsprofil erfüllen will, bleibt ebenfalls schleierhaft. Der stellvertretende Redaktionsleiter des KASSENSTURZ hat noch nie eine Redaktion geführt oder ein Budget verwaltet, traut sich aber offenbar zu, gleich den ganzen Laden mit seinen 2100 Mitarbeiter/innen und rund 600 Millionen Schweizer Franken Budget stemmen zu können. Die SONNTAGSZEITUNG hält deshalb gleich selbst fest: Schmezer dürfte chancenlos bleiben, seine Bewerbung eine Lachnummer.

Im wieder ein Genuss ist auch, wie insbesondere die Boulevardpresse andere „Aushängeschilder“ von SRF zu Parabili macht, beispielsweise 10VOR10-Moderatorin Susanne Wille oder TAGESSCHAU-Moderator Franz Fischlin. Nichts gegen die beiden Journalisten, aber die Medienredaktionen scheinen nicht verstehen zu können, dass die Führung eines Grossunternehmens mit der Moderation etwa soviel gemeinsam hat, wie das Fahren einer Lokomotive mit der Führung des Gesamtunternehmens SBB. Nämlich gar nichts. Und wenn trotzdem der eine oder andere Mitarbeiter an der Front sich zu höheren Weihen berufen fühlt, ist das zuallerst einmal eine Aussage über eine massive Selbstüberschätzung.

Bleibt am Ende die Frage, wer überhaupt in Frage kommen könnte. Und das ist, tatsächlich, eine schwierige. Wer die heutigen Organigramme von SRF durchgeht, stösst kaum auf Namen, denen die Aufgabe zugemutet werden dürfte. Am ehesten noch Urs Leuthard. Der ehemalige ARENA-Moderator und Redaktionsleiter, der heute Chef der TAGESSCHAU ist und gegenwärtig das wohl wichtigste interne Projekt eines neuen konvergenten Newsrooms leitet, bringt von allen Führungskräften die richtige Mischung mit und wäre der geeignetste (und einzige) interne Kandidat. Entsprechend wurde er auch in der NZZ bereits als Kandidat genannt. Leuthard hat allerdings in derselben SONNTAGSZEITUNG bereits abgewunken und begründet das damit, dass einerseits seine Vaterrolle, aber auch das Anforderungsprofil, nicht passen würden. Was Leuthard verschweigt: Für seinen Entscheid ebenfalls eine Rolle gespielt haben dürfte, dass seine Cousine,  Bundesrätin Doris Leuthard, trotz Rücktrittsankündigung vor mehr als einem Jahr noch immer in ihrem Amt verharrt. Und ein SRF-Direktor, der familiär mit der Medienministerin verbandelt ist, wäre alleine aufgrund dieser Konstellation ein, sagen wir einmal, gewisses Wagnis. Dazu dürfte aber auch einfach eine Rolle gespielt haben, dass Leuthard wenig Lust verspürt, eine herausfordernde Rolle im journalistischen Umfeld gegen ein Amt einzutauschen, das zwar mehr Geld, aber mindestens auch ebenso viel mehr Ärger einbringt.

So bleibt am Ende eine logische Kandidatin: Nathalie Wappler, die zur Zeit als Programmdirektorin des MDR in Halle amtet. Und für die SRG die Erkenntnis, dass dringendster Nachholbedarf besteht, die oberen Führungsetagen mit charismatischen und fähigen Führungspersönlichkeiten zu besetzen, die dereinst als Direktor oder Direktorin in Frage kommen könnten.

 

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