Medienwoche 2019-13: Sorry seems to be the hardest word

Die SRF-Tagesschau leistet sich einen groben Schnitzer. Aber statt sich für den Fehler zu entschuldigen, eiert sie rum und Redaktionsleiter Urs Leuthard versteckt sich.

Das Thema: Lastwägen, die eigentlich nicht fahrtüchtig sind und bei Kontrollen hängen bleiben. Die (bewegten) Bilder dazu: Ein Sattelschlepper auf der A1, bei dem offensichtlich entweder die hintere Radachse gebrochen oder aber die Hinterräder in einer anderen Weise massiv derangiert waren. Der Text dazu von Beitrags-Realisator Tobias Widmer: „Dieser Sattelschlepper, gestern Nachmittag auf der A1 kurz vor dem Gubristtunnel unterwegs, braucht keine Kontrolle. Der desolate Zustand ist unübersehbar. Auch wenn nur selten mit so gravierenden Schäden: Insgesamt wurden letztes Jahr 90’000 Schwerverkehrsfahrzeuge kontrolliert.“

Was die TAGESSCHAU nicht sagt: Der gezeigte Sattelschlepper war nicht einfach in einem desolaten Zustand unterwegs: Der Chauffeur des Sattelschleppers hatte ein medizinisches Problem und deshalb einen Unfall verursacht, war aber nicht mehr in der Lage, das Fahrzeug sofort anzuhalten. Der Lastwagen war also nicht einer derer, die nicht fahrtüchtig und mit Mängeln unterwegs waren.

Mit anderen Worten: Die TAGESSCHAU hat die Videosequenz mit dem Sattelschlepper sinnentstellend verwendet und das Publikum belogen.

Der Firmenchef der betroffenen Transportunternehmung, Hans-Peter Dreier, liess das nicht einfach so auf sich sitzen und kritisierte die TV-Macher im BLICK scharf. Unter dem Titel „Fake News“ – Chef des Funken-Chauffeurs sauer auf SRF liess er seiner Verärgerung freien Lauf.

Nun, was wäre das Naheliegendste, das wohl auch die SRF-Medienschaffenden selbst bei jeder anderen Fehlleistung eines Unternehmens unmittelbar einfordern würden? Eine Entschuldigung und ein Hinweis in der nächsten Sendung, dass die Bilder missverständlich verwendet worden waren.

Aber weit gefehlt: TAGESSCHAU-Redaktionsleiter Urs Leuthard schickt SRF-Mediensprecher Stefan Wyss vor, der aber nur rumeiert und versucht, die Sache herunterzuspielen. BLICK zitiert ihn mit den Worten: «Bei diesen Symbolbildern wurde der Schriftzug des LKW unkenntlich gemacht, weil es im Beitrag nicht speziell um diesen Vorfall auf der A1 ging, sondern um das Sicherheitsrisiko, das mangelhafte LKW darstellen können. Die Herkunft des Lastwagens wurde weder in Bild noch Ton genannt.»

Auf unsere Nachfrage sendet Wyss uns das vollständige Zitat zu, welches BLICK erhalten hatte. Es zeigt: Die Boulevardzeitung hat korrekt gekürzt und sich auf diejenigen Aussagen konzentriert, die wesentlich sind: „Im Beitrag der «Tagesschau» ging es darum, dass es bei Kontrollen auf der Strasse sowie in Schwerverkehrs-Kontrollzentren bei jedem dritten LKW in der Schweiz zu Beanstandungen kommt, wie erstmals publizierte Zahlen des Bundesamtes für Strassen Astra belegen. Als Symbolbilder wurden unter anderem ein paar wenige Sekunden eines Videos gezeigt, das am Vortag viral ging. Bei diesen Symbolbildern wurde der Schriftzug des LKWs unkenntlich gemacht, weil es im Beitrag nicht speziell um diesen Vorfall auf der A1 ging, sondern um das Sicherheitsrisiko, das mangelhafte LKWs darstellen können. Die Herkunft des Lastwagens wurde weder in Bild noch Ton genannt.“

Zunächst ist festzuhalten: Hier kann selbstredend nicht von Symbolbildern gesprochen werden, das ist schlicht Unfug. TAGESSCHAU-Reporter Widmer nimmt die Bilder ja explizit als Beispiel dafür, in welch‘ „desaströsem“ (Zitat TAGESSCHAU) Zustand Lastwägen in der Schweiz unterwegs seien. Zudem bestätigt Wyss den Fehler mit seinem ersten Satz: Es sollte um Lastwagen gehen, die beanstandet werden. Hier war nicht ein mangelhafter oder beanstandeter LKW unterwegs, sondern ein Unfall geschehen.

Darüber hinaus stellen sich aber auch eine Reihe von weiteren Fragen, beispielsweise, ob denn dem Tobias Widmer, dem Autor des Beitrags, die Umstände der Bilder, die er in dem Beitrag verwendet, nicht bekannt waren. Falls doch: Warum verwendet er sie sinnentstellend? Falls nicht, warum recherchiert er die Umstände nicht, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht gebieten würde? Und: Wenn ein Fehler passiert ist, warum kann sich die TAGESSCHAU nicht einfach entschuldigen und in der nächsten Ausgabe eine Präzisierung ausstrahlen? Warum steht nicht Redaktionsleiter Urs Leuthard hin?

Wir haben diese Fragen an SRF-Mediensprecher Stefan Wyss gestellt. Seine schriftlich zugestellte Antwort: „Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir zu internen Abläufen nicht weiter Auskunft geben. Der besagte «Tagesschau»-Beitrag wird aber intern sicher nochmals kritisch aufgearbeitet.».

Das heisst im Klartext soviel wie: Wir wissen, dass das nicht ok war. Aber wir haben nicht die Grösse, dazuzustehen.

Auf die fällige Entschuldigung für die Fehlleistung warten die Zuschauer/innen vergeblich.

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