Medienwoche 2019-21: Mediales Überbeissen

Es ist die Zeit der Nominationen für die Nationalratswahlen. Diese Woche haben beispielsweise die Grünen des Kantons Zürich ihre Liste verabschiedet. Das Thema war aber nur, dass unter den Nominierten eine Vertreterin der Cervelat-Prominenz ist. 

Die Frau heisst Tamy Glauser und bezeichnet sich als Topmodel. Als solches fliegt sie in der Weltgeschichte herum, was naturgemäss nicht eben einer grünen Lebensweise entspricht, was sie aber nicht verlegen macht. Schliesslich kompensiere sie das CO2, wenn sie privat mit dem Flugzeug unterwegs sei. Behauptet sie zumindest. Scheint aber auch gar nicht so wichtig, denn viel mehr als die Flüge würde unsere Ernährungsweise die CO2-Werte in die Höhe treiben, weiss Glauser – selbst überzeugte Veganerin. In den Medien wird sie oft zusammen mit ihrer Lebenspartnerin, der ehemaligen Miss Schweiz Dominique Rinderknecht, portraitiert. Die beiden sind das öffentlichkeitswirksamste Lesbenpaar des Landes.

Was Glauser für den Nationalrat qualifizieren würde, ist niemanden so ganz klar. Wenn sie sich äusserst, wird es regelmässig peinlich. So hatte sie beispielsweise erst kürzlich medienwirksam gefordert, der Nationalzirkus „Zirkus Knie“ müsse auf Tiervorstellungen verzichten. – Dabei zog sie sich nicht nur das Unverständnis von Knie-Direktor Freddy Knie zu, es konstatierten sogar Tierschützer, der Zirkus verhalte sich vorbildlich im Umgang mit Tieren.

Kurz nach ihrer Nomination äusserte die bekennende Veganerin, Blut von Veganern könne Krebszellen abtöten. Der fällige Kommentar einer Twitter-Userin: „Funktioniert auch mit Gehirnzellen.“ Die Medien dürften sich über die unbedarften Äusserungen gefreut haben. Denn eines zeigen die Klickraten und die Anzahl der Kommentare unter den Artikeln über Glauser: Sie befeuert Kontroversen und bewegt die Menschen – wenngleich 90% der Kommentare negativ sind.

Der Punkt ist aber ein anderer: Obwohl Glausers Kandidatur an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist, gibt es gegenwärtig keine Nationalratskandidatin und keinen -kandidaten mit grösserer Medienbeachtung. Bei der Nominationsversammlung der Grünen war sie laut Anwesenden die einzige, welche die Medienschaffenden interessierte. Das verzerrt nicht nur den Wahlkampf, sondern fördert auch die Chancen, dass am Ende die Ahnungslose doch noch Stimmen macht – nach dem Motto: „Wen soll ich sonst wählen – die kenn‘ ich wenigstens.“

Das führt nicht zuletzt parteiintern zu Kopfschütteln und Verärgerung. Während andere jahrelang die politische Ochsentour machen, um vom Schul- über den Gemeinde- und Kantonsrat nach einer langen politischen Laufbahn auf eine Nationalratsliste zu kommen, geht Quereinsteiger/innen wie Glauser die politische Erfahrung vollkommen ab – und stehen den Altgedienten vor der Sonne. Anders als andere Quereinsteiger wie FDP-Mann Filippo Leutenegger oder SVP-Nationalrat Roger Köppel hat Glauser zudem keinen Namen und keinerlei Relevanz in der Schweizer Politlandschaft.

Das alles sollte dazu führen, dass ihre Nomination medial in einem Nebensatz abgehandelt wird. So, wie es die NZZ tut. – Leider als einzige. Der BLICK widmet dem Model mit Polit-Ambitionen am Morgen nach der Nomination beinahe eine Doppelseite, mit ausführlicher Berichterstattung und Interview. Aber auch die Tamedia-Medien scheinen jedes Augenmass verloren zu haben. Und das öffentlich-rechtliche SRF? 

Das REGIONALJOURNAL ZÜRICH-SCHAFFHAUSEN vermeldete die Personalie, allerdings unter ferner liefen. Im Zentrum stand die Frage, warum eine bereits einmal abgewählte Kandidatin den ersten Listenplatz erhält und nicht einer der beiden bisherigen und etablierten Nationalräte – Bastien Girod oder Balthasar Glättli – der Grund liegt wohl darin, dass sie keine Frauen sind. Auch GLANZ UND GLORIA bringt 28 Sekunden zu der Personalie. Die weiteren TV-Sendungen schweigen sich über das Thema aus – wie es sich gehört. Mit einer Ausnahme:  Talkmaster-Dinosaurier Roger SCHAWINSKI hat Glauser für die nächste Ausgabe der Sendung geladen. – Da hatte wohl sein neuer Vorgesetzter Thomas Schäppi nicht die Traute, durchzugreifen. Glauser dankte es ihm mit der nächsten Peinlichkeit, indem sie behauptete, Langstreckenflüge sehen weniger umweltbelastend als Kurzstreckenflüge – die nächste faktenbefreite Behauptung, welche die Boulevard-Presse, insbesondere 20 MINUTEN und BLICK.CH, erneut genüsslich auskosten.

 

 

 

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