Leider nein. „Reporter“ über Pierin Vincenz erfüllt Erwartungen nicht

Knapp einen Monat nach der Hausdurchsuchung und der anschliessenden Untersuchungshaft für den ehemaligen Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz hat sich das Dokumentar-Format REPORTER des SCHWEIZER FERNSEHENS dem Thema angenommen. Die Reporter Simon Christen,  Vanessa Nikisch und Hanspeter Bäni sind dabei allerdings grösstenteils gescheitert.

Und das beginnt schon in den ersten Einstellungen. Besuch bei Hausi Leutenegger auf Gran Canaria. Der hemsärmelige Unternehmer inszeniert sich selbst, wie gewohnt. Darf erzählen, wie er sein Unternehmen und seinen Reichtum aus einem einzigen Fünfliber heraus erwirtschaftet habe und sein Leben lang treuer Kunde der Raiffeisen gewesen sei. Später wird man erfahren, dass er mit Vincenz an der OLMA  jeweilen eine Bratwurst gegessen und über Sport gesprochen habe. Andere Anknüpfungspunkte zu Vincenz gibt es nicht. Dreieinhalb Minuten dauert die erste Sequenz mit Leutenegger, Erkenntnisgewinn in Bezug auf die Figur Vincenz: Null.

Nach fünfeinhalb Minuten und einen Exkurs in die Geschichte und Idee der Raiffeisen-Bank ist der Beitrag dann – endlich – bei Vincenz angelangt und zeigt einige Sequenzen aus dem Archiv, undatiert. Erhellend der Beitrag von Martin Janssen, im Beitrag salopp als „Professor für Finance“ vorgestellt. Janssen plädiert für eine differenzierte Sichtweise und beschreibt, wie Vincenz das Raiffeisen-System gross gemacht hat.

Dann die Rückblende auf die Finanzkrise, welche dem ehemaligen Raiffeissen-CEO eine Plattform verschaffte, und wieder einige Versatzstücke von Vincenz. Und Aussagen von Lukas Hässig, der als „einer der profiliertesten Wirtschaftsjournalisten der Schweiz“ eingeführt wird. Hässig habe Vincenz quasi im Alleingang gebodigt. Kein Wort, dass Hässig unter seriösen Medienleuten im besten Falle als bunter Hund, von der Mehrheit eher aber als Ventilator ungeprüfter Gerüchte betrachtet wird.

Als „ein knallharter Machtmensch“ wird Vincenz über Bilder vom Zürcher Kispi-Ball beschrieben – einen Beleg dafür bringendie Reporter allerdings nicht bei – weder auf der Bild-, noch auf der Tonspur.  Dann Vincenz bei einem Meeting mit seinen Kadern, genau das Gegenteil von Machtmensch, selbstkritisch und sympathisch. Wohlverstanden: Wir sagen nicht, dass er kein Machtmensch gewesen sein mag, allein: Die Reportage belegt die Behauptung in keinster Weise.

Dann geht es zurück nach Gran Canaria, wo Hausi Leutenegger „versucht, die Nachrichten über den tiefen Fall von Pierin Vincenz zu verarbeiten.“ In den Bildern dazu zeigt er seine Villa, inklusive Schlafzimmer, und wir erfahren, dass er in einem eigenen Bett schlafe, weil er schnarche, was seine Frau nicht vertrage.

Wie bitte? Die Metapher vom falschen Film, in dem man sich manchmal fühlen mag, passt in dem Moment so gut wie selten.

Von Gran Canaria geht es dann nach Andiast, wo Vincenz herkommt und gemäss Film auch eine Ferienwohnung besitze.  Die Einheimischen halten zu ihm, er habe viel für die Region getan, ist zu hören, und er sei „einer von uns“. Etwa, weil er mithalf, die Bergbahnen zu retten, als die vor dem Ruin standen. Es folgt eine Sequenz über den Vater von Vincenz, der es als CVP-Politiker und Ständerat bis ins Parlament schaffte, aber 1979 selbst strauchelte – über einen Steuerskandal. Interessant wäre, was das mit Pierin gemacht haben könnte, aber so tief mag der Film nicht gehen.

Dann wieder Pierin, und die Übernahme der Wegelin unter dem neuen Namen Notenstein. Kritische Stimmen zur Expansionsstrategie – allerdings aus dem Archiv von 2012. Interessant wäre gewesen, den Kritiker von damals nach den jüngsten Ereignissen noch einmal zu kontaktieren. –  Diesen Aufwand hat die Redaktion allerdings gescheut. Dafür darf Hausi auf Gran Canaria sagen, dass er die Übernahme der „guten“ Wegelin-Kunden damals schon nicht gut fand.  Janssen kommentiert die Expansionsstrategie, erneut wohltuend differenziert. Man könne alleine aus der Tatsache, dass die Raiffeisen unterdessen ihre Beteiligungen an verschiedenen Gesellschaften, die Vincenz akquiriert hatte, wieder zurückfährt, nicht einfach sagen, dass die damalige Strategie falsch gewesen sei.

In den letzten zweieinhalb Minuten geht es um die Vorwürfe und Untersuchungen, die zunächst die FINMA und unterdessen die Staatsanwaltschaft Zürich an die Hand genommen haben. Hässig darf äussern, dass wohl etwas an den Vorwürfen dran sei, sonst würde die Untersuchungshaft nicht so lange dauern. Das Votum bleibt unwidersprochen, obwohl Strafrechtsexperten auch die gegenteilige Interpretation vertreten: Die lange U-Haft deute darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft nichts gefunden habe und immer noch im Trüben fische. Zum Schluss darf Haus Leutenegger auf dem Golfplatz zeigen, wie perfekt er Abschläge beherrscht und dazu sagen, dass er trotz der Wirren bei der Raiffeisen bleiben werde.

Fazit: Die Reportage zu Pierin Vincenz hat nicht viel Neues erbracht. Die Sequenzen mit Leutenegger blieben sinnentleert. Die Spurensuche in Vincenz‘ Heimat tat gut und erfüllte, was man von dem Beitrag erwarten durfte. Die Aufarbeitung des „Falles“ – die Sendung hiess ja: „Aufstieg und Fall eines Starbankers“ – blieb hingegen schwach. Und die Fragen, die tatsächlich interessierten, weitestgehend ausgeblendet. Wie etwa:

Warum konnte ein Mann, dem so vieles gelang, offenbar nicht genug kriegen, sodass er sich neben seinem Raiffeisen-Lohn von 2 Millionen Franken jährlich mit heiklen Deals noch weitere Einnahmen generieren musste? Welche Persönlichkeitsstruktur steckt dahinter? Und welche Rolle spielte dabei sein Vater, der doch auch schon gestrauchelt war mit Geschäften im dunkelgrauen Bereich? Wollte sein Sohn beweisen, dass er cleverer ist? Und woran ist er schliesslich gescheitert?

Diesen Spuren nachzugehen hätte uns als Zuschauerinnen und Zuschauer mehr gebracht als ein Reisli nach Gran Canaria.

 

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