Die Medienwoche 19-2018. Wenn es um die eigene Sache geht, fällt jede Contenance

Wenn Medienschaffende in eigener Sache berichten, gehen die Emotionen gerne hoch. So passiert diese Woche rund um eine Geschichte des KLEIN-REPORTS. Dieser berichtet über einen Beitrag in der SRF-Sendung SCHWEIZ AKTUELL zu den Plänen von SRF, weite Teile der Informationsabteilung des Schweizer Radios von Bern nach Zürich zu verlegen. Ein TV-Beitrag, der nie ausgestrahlt wurde.

Und das angeblich auf Geheiss von „ganz oben“, sprich: SRF-Direktor Ruedi Matter. Das zumindest beihauptet der Beitrag des KLEIN-REPORTS, wörtlich heisst das dort: „Der verantwortliche SRF-Journalist sei «von weit oben» zurückgepfiffen worden, sagen mehrere voneinander unabhängige Quellen.“ Und später: „Diese Darstellung bestätigt auch SSM-Gewerkschaftssekretärin Ariane Gscheidle, die von «Schweiz Aktuell» ebenfalls angefragt wurde: «Der recherchierende SRF-Redaktor hat mir gegenüber gesagt, dass er das OK seines direkten Vorgesetzten hatte, dann aber direkt von Ruedi Matter zurückgepfiffen wurde.»“

Blöd nur: Diesen nun doch recht schwerwiegenden Vorwurf bei Matter abzuklären, hat der KLEIN-REPORT offenbar unterlassen. So erzählt KLEIN-REPORT-Journalist Mark Baer zwar im Tonfall eines Anklägers am Kriegsverbrecher-Tribunal, dass er verschiedene Fragen an SRF-Chefredaktor Tristan Brenn gestellt habe und zieht alleine schon aus der Tatsache, dass die Antwort nicht schon nach 10 Minuten, sondern erst innerhalb von 24 Stunden erfolgte, und dann auch nicht durch Chefredaktor Brenn, sondern (wie es üblich ist) durch die SRF-Medienstelle, dass bei SRF die ganze Chefabteilung ob der drohenden Enthüllungsstory dermassen erzitterte, dass sie erst in Klausur gehen musste. Der KLEIN-REPORT wörtlich:

„Wie konnte es zu dieser internen Zensur kommen? War der Beitrag der SRG-Generaldirektion oder dem SRF zu kritisch? Passiert es oft, dass Beiträge der internen Zensur zum Opfer fallen? Wäre es nicht besser gewesen – auch gegenüber den SRF-Angestellten – den Beitrag trotzdem auszustrahlen? Das Mail des Klein Reports mit diesen und weiteren Fragen musste im Leutschenbach zahlreiche Runden gedreht haben. Beantwortet wurde die Anfrage dann aber nicht von Tristan Brenn, sondern von der SRF-Medienabteilung.“

Interessant wäre natürlich zu wissen, welche „weiteren Fragen“ in der Mail noch gestellt worden waren. Und ob überhaupt nach einer Bestätigung des Vorgangs gefragt wurde, bevor mit Suggestiv-Begriffen wie „Zensur“ und „zum Opfer fallen“ operiert wird. – Ganz offensichtlich fehlt es da dem Journalisten des KLEIN-REPORT an der nötigen Sachlichkeit und Nüchternheit. Einmal publiziert, sorgte die Gruppierung „Pro Radiostudio Bern“ per Tweet für eine weitere Verbreitung der Meldung.

So kam, wie es kommen musste: Matter wehrte sich in einem Tweet (ob das die richtige Form ist, bleibe dahingestellt…) gegen die Unterstellung und wies sie zurück:

Was schliesslich zur BLICK.CH-Geschichte führte, in der – selbstverständlich erneut unter dem Deckmantel der Anonymität  – ein Mitarbeiter des Radiostudios Bern zitiert wird.

«Matter bezeichnet uns in dem Tweet als Meuchelmörder und Verräter, die nichts können», sagt ein langjähriger Radiomitarbeiter, der anonym bleiben möchte. «Von uns kommt die Geschichte nicht. Wir finden es extrem befremdend, wenn uns der Direktor mangelnde Recherche vorwirft. Schliesslich kommen aus unseren Studios Magazine wie das ‹Echo der Zeit›.»

Und weiter unten:

«Matters Abgang ist auf Ende Jahr angekündigt. Es scheint, als ob er vorher noch ein Blutbad anrichten wolle.»

Was dann doch die Frage aufwerfen könnte, ob die anonym zitierten Radiomenschen (warum stehen sie nicht zu ihren Aussagen?) hier nicht das Augenmass völlig verloren haben in ihrer Empörungsbewirtschaftung. Meuchelmöder? Verräter? Blutbad? Die ersteren Begriffe hat Matter mitnichten verwendet. Der letztere ist in dem gegebenen Kontakt völlig deplatziert.

In einem Satz: Die Berner Radioleute disqualifizieren sich grad‘ im höchsten Ausmasse selbst. 

 

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